Heldenfällen

Heldenfällen.Begegnungnen.

Was macht ein Leben aus? Der Protagonist des Hörspiels hat keine Beziehung, keine Arbeit und blickt resigniert in eine Zukunft, die ihm keine Perspektiven zu eröffnen scheint. Das erfahren wir aus den Tonbandprotokollen seiner Therapeutin. Auf ihr Geheiß hin stellt er eine Liste der Vor- und Leitbilder seiner Kindheit und Jugend auf. Wichtig waren neben seinem Vater der ehemalige Fußballprofi Guido Buchwald, der Musiker, Regisseur und Hörspielmacher Schorsch Kamerun und der Kabarettist Georg Schramm. Die prominenten Vorbilder hören wir im O-Ton, sie schildern ihre Werdegänge und sprechen wiederum über die sie prägenden Menschen – und wir erleben, wie sie beim Reden ihre Biografien konstruieren.

Regie: Christian Rottler
Mitwirkende: Guido Buchwald, Schorsch Kamerun, Georg Schramm, Eve Klotz
Produktion: Autorenproduktion 2009
Länge: 53’03
​Quelle: http://www.deutschlandradiokultur.de

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Jochen Meißner [Funkkorrospondenz]

Ein Fußballer aus Wannweil in Schwaben, ein Musiker aus TimmendorferStrand, ein Schriftsteller aus dem österreichischen Gmunden und ein Kabarettist aus Bad Homburg: Guido Buchwald, Schorsch Kamerun, Thomas Bernhard und Georg Schramm – man kann im Lauf seines Lebens schlechtere Vorbilder haben als Christian Rottler. Drei der vier Männer konnte der Musiker und ausgebildete Mediengestalter für sein Hörspielprojekt „Heldenfällen“ interviewen; als Bernhard 1989 starb, war Rottler gerade mal elf Jahre alt.

Eingerahmt durch die auf ein billiges Diktaphon aufgenommenen Protokoll- notizen einer Therapeutin (Eva Klotz), die den nie hörbaren Autor/Klienten analysiert, ergibt sich aus den O-Tönen der Herren Buchwald, Kamerun und Schramm ein Panorama der bundesdeutschen Zeitgeschichte und zugleich ein Einblick in die Transformationen von Gesellschaftsanalyse.

Der ehemalige Nationalspieler Guido Buchwald, nach dem eigenen Vater der erste Held der abwesenden Hauptfigur, scheint einer zu sein, der in erster Linie mit dem Knie denkt, während sich die Weltsichten Schorsch Kameruns und Georg Schramms über die Jahrzehnte verändert haben. Obwohl die letzteren beiden eine halbe Generation trennt (Schramm ist Jahrgang 1949, Kamerun Jahrgang 1963), ergeben sich überraschende biografische Übereinstimmungen.

Beide kommen aus den Randbereichen großbürgerlicher Kleinstädte, ihre Väter taugten bestenfalls als Objekt von Hass oder Verachtung. Ihre Sozialisation erfolgte in sozialdemokratischen bis linksradikalen Kontexten, und beide müssen feststellen, dass die alten Beschreibungsmuster nicht mehr für die Welt von heute taugen.

Am deutlichsten wird das in der Bewertung der RAF aus dem unmittelbaren Miterleben in den 1970er Jahren und aus heutiger Sicht. Und erstaunlicherweise akzeptieren heute beide eine Figur aus der Politik als Vorbild: den Altliberalen Gerhart Baum. Im Jahr 2007 hielt der bei der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden an Schorsch Kamerun im Bundesrat die Laudatio (vgl. FK 24/07). Er habe sich ja über ihn informiert, sagte Baum dem Preisträger mit dem Image des autonomen Staatsfeindes, und: „Sie müssen sich für das Foto ja nicht neben den [Bundes-]Adler stellen.“

Am Ende, so erfahren wir aus dem Diktaphon-Protokoll, bricht der Klient die Therapie vorzeitig ab: Er fühle sich ausreichend entlastet, um ein Leben ohne Helden zu führen, wolle aber wieder anfangen, Fußball zu spielen und sich politisch zu engagieren. Außerdem strebe er eine Karriere als Autor und Kabarettist an. Therapieversagen auf der ganzen Linie also. Die ironische
Genauigkeit, mit der Christian Rottler den Psycho-Jargon inszeniert hat, trägt einiges zum Hörvergnügen bei, das noch dadurch gesteigert wird, dass man hier intelligenten Leuten beim Nachdenken über sich selbst und die Zeit, in der sie leben, zuhören kann. „Heldenfällen“ ist ein sehr angenehmes kleines Stück eines Nachgeborenen über seine Vorfahren, die einer Generation angehören, von der man sich nicht so radikal abgrenzen muss wie diese von der ihrer Väter.

23.04.10 – Jochen Meißner/FK