Das Stuttgartmagazin LIFT über das Proust-Buch

MULTI-KÜNSTLER CHRISTIAN ROTTLER IST MEHRFACH AN PROUST GESCHEITERT
“FUCK, DAS IST JA RICHTIG LANGWEILIG”
[Susanne Veil, LIFT 12.18]

„Ja, Proust ist mein Leben / doch es langweilt
mich sehr / Ich finde nicht statt / bin der Zeit
hinterher“ reimte Christian Rottler in seinem
Lied „Proust ist mein Leben, doch es langweilt
mich sehr“. Die Lektüre des siebenbändigen
Romans „Auf der Suche nach der verlorenen
Zeit“ hatte er gelangweilt bis aggressiv aufgegeben.
Dennoch führte sie zu einer Kette
künstlerischer Verwicklungen, an deren vorläufigem
Ende nun ein Buch steht.

Aber eins nach dem anderen: Der Ludwigsburger
Christian Rottler machte sich zunächst
über ein Mediengestalter-Studium in Weimar
gen Berlin auf, um professioneller Künstler zu
werden. Erwähnte Liedzeile sollte auf dem
Debütalbum seiner Band „Galakomplex“
erscheinen, doch der Plattendeal platzte in letzter
Minute. „Der Rottler“ zog zurück nach
Schwaben und suchte sich einen Brotjob. In
der Zwischenzeit kam das Lied auf YouTube
einem Literaturagenten zu Ohren, der über
Proust in der Popkultur schrieb. Rottler miss –
verstand seine Frage nach der Entstehung des
Lieds und machte sich an einen gefühlsbetonten
Aufsatz über sein Scheitern an Proust
– den dann keiner veröffentlichen wollte.

Aus diesem Scheitern in Serie machte er wiederum
ein Hörspiel, das – nun erfolgreich – im
SWR und Deutschlandradio lief. Nun erschien
zehn Jahre verspätet das Album „Dringlichkeit
geht immer“ und das Buch „Proust ist mein
Leben, doch es langweilt mich sehr. Ursache
und Wirkung“. Dennoch, von „Erfolg“ möchte
Christian Rottler nicht sprechen, „das ist ein
starkes Wort“. Vielmehr habe er aus seinem
dreifachen Scheitern – Proust-Lektüre, Plattenvertrag
und Proust-Aufsatz – ein dreifaches
Überwinden des Scheiterns gemacht: Album,
Hörspiel, Buch.

Zur Buchpräsentation im Merlin hat sich auch
der Stuttgarter Kolumnist und Flaneur Joe
Bauer angekündigt. Dessen Text über Proust und das
Stuttgarter Café Weiß inspirierte Rottler zum Buch. Er
bat Wegbegleiter, etwas zu
Proust oder zum Scheitern im Allgemeinen zu
schreiben. Die Texte stammen von Punkmusikern,
Journalisten, Medienwissenschaftlern,
Hochschulprofessoren. Das Ergebnis ist für
Rottler auch ein Kommentar zum Kulturbetrieb
und der Strahlkraft großer Namen: „Ich
glaube, viele haben den Proust-Gesamtband
dastehen, lesen das und merken: Fuck, das ist
ja richtig langweilig.“ Es sei der große Mehrwert
von Buch und Hörspiel, dass man anschießend
über Proust fachsimpeln könne, ohne
ihn je gelesen zu haben.

Bei seinem Kunstprojekt verschwimmen die
Grenzen zwischen Musik, Hörspiel und Buch:
Weil das Scheitern der Platte im Hörspiel zentral
ist, finden sich Liedtexte in Kapitel drei des
Buches, auch seine 142 Illustrationen sind zum
Teil Artwork oder Standbilder aus Musik videos.
„Alles hängt immer zusammen“, sagt Rottler.
So werden bei der Lesung die Texte vom Synchronsprecher
Kevin Kasper gelesen, für die
Musik sorgen Rottlers neue Band „Lenin Riefenstahl“
und Sängerin Yvy Pop.

Nur Künstler sein möchte Rottler inzwischen
nicht mehr. „Nach Marx ist Arbeit immer Prostitution“,
er schätze aber die Sicherheit seines
„Kühlschrankjobs“: „Letztlich musst Du
Dich als Künstler manchmal fast noch mehr
anbiedern, weil Du keinen Personalrat hast.“
Sein Scheitern an und mit Proust mag also vieles
gewesen sein, sicher aber keine verlorene
Zeit.

PROUST RELOADED [offizielle Buchpräsentation
mit Konzerten und Lesungen von Gastautoren, 14.12.
20:30 Uhr, Merlin, Augustenstr. 72, S-West]